Festivalcheck #52 – Mahagoni Festival 2018

By 16. Oktober 2018 Lifestyle, Music, Movie & Video, Others

Mit der Erfahrung einer gefeierten Erstauflage im Rücken und einem noch umfangreicheren Programm für den Nachfolger im Gepäck, schafft das Mahagoni 2.0 den nächsten Sprung in Richtung Freiluftolymp, trotzt Wind und Wetter und bereitet seinen Gästen auch dank außergewöhnlicher Detailverliebtheit ein Wochenende für die (Festival-) Götter: twice as big, twice as good, twice as „wow!“

Dabei fängt alles mit denkbar ungünstigen Vorzeichen an. Dem schier endlosen Planungsaufwand und der knisternden Vorfreude der knapp 500 Camper, Künstler, Organisatoren und Helfer zum Trotz schieben sich bei unserer Ankunft am späten Donnerstag Nachmittag bereits dicke Gewitterwolken über die bunte Szenerie aus Zelten, selbst gezimmerten Bauwerken aus Europaletten, liebevoll gestalteten Chill-Oasen und Bühnen, die für sich schon Kunstwerke sind. Literweise Regen und ein saftiger Temperatursturz liegen in der Luft – der wahr gewordene Alptraum eines jeden Outdoor-Veranstalters! Den Blick nach oben gerichtet bilde ich mir sogar ein, dass mir ein besonders prall gefüllter Regenbote schadenfroh den Mittelfinger zeigt. Ich zucke mit den Achseln und brumme etwas wie „Du mich auch!“, während wir bewaffnet mit Zeltbausätzen, Gaskochern und palettenweise Dosenbier in Richtung der beachtlichen Zeltstätte am Waldrand schlendern – begleitet vom Klang des Sets, der gerade vom See zu uns herüberweht.

Das Mahagoni 2018 hat begonnen, piepegal was der Wetterdienst sagt. Darüber herrscht ein stiller Konsens unter den Besuchern. Viele sind schon seit Stunden hier, zum Teil auch seit Tagen als freiwillige Aufbauhelfer. Spätestens seit der Bekanntgabe des über 40 Acts starken, zum Teil internationalen Lineups, dem fantastischen Videoteaser, weiterer Details in der Facebook-Veranstaltungschronik und den postalischen Einladungen samt Wegweiser-Koordinaten sind die kommenden drei Tage mit Rotstift im Kalender markiert – wenn nicht schon seit der Franchisepremiere im Jahr 2017. Auf dem Weg zur Campingwiese folgt das ein oder andere große Hallo, während die Sorge um das Wetter schnell in den Hintergrund meiner Aufmerksamkeit tritt. Es gibt einfach zu viel zu entdecken, praktisch im Sekundentakt bleibt mein Blick an einem neuen Detail kleben. Vom Eingang kommend fällt neben dem aufwändig gestalteten Programmheft nebst Eintrittsbändchen zuerst die Strandbühne, auch „Lagune“ genannt, ins Auge. Bunte Segel und Fahnen überspannen das Ensemble aus DJ-Hütte und Holzpyramiden, gleich daneben gruppieren sich Hängematten und Sofas um eine Feuerstelle unter Bäumen. Am Ufer vertäut liegt ein kleines Ruderboot vor Anker. Alles sieht nicht nur toll aus, sondern wirkt bewusst platziert und pragmatisch konzipiert – man will den Besuchern wie schon beim Vorjahresdebut größtmöglichen Raum zur Entfaltung geben.

Wir spazieren an einem Foodtruck vorbei, an dem es Falafel-Sandwiches, Burger mit Pommes und anderes gegen den tanzbedingten Heißhunger gibt. Unterwegs treffen wir bereits angereiste Freunde und schlagen schließlich unsere Basis am Wegrand auf. Der Boden ist knochenhart und wehrt sich gegen jeden Hering, doch die allgegenwärtige Euphorie hat uns gepackt und treibt die Zeltanker in die Erde. Wenig später stehen die Schlaflager halbwegs aufrecht, gut genug für ein paar Stunden Regeneration, an die wir jetzt natürlich nicht einmal denken.

Bei einem ersten Willkommensbier blättere ich durch das Programmheft, in dem nicht nur der non-kommerzielle Geist des Mahagoni als private Kulturveranstaltung für Freunde & Gleichgesinnte beleuchtet wird, sondern auch das Rahmenprogramm, einige Sätze zur Veranstaltungsethik, verschiedene Workshops und die Bühnenkonzepte erklärt werden. Von letzteren gibt es drei Stück auf dem knapp 40.000 Quadratmeter großen Gelände am See, jedes unter der Schirmherrschaft eines anderen Nürnberger Labels und jedes mit einem eigenen musikalischen Duktus. Während die „Nightwatch“- Crew in der „Lagune“ den Ton mittels House, Tech-House und melodischem Techno angibt, bietet die „Kaleidoskop“- Stage aus der Feder des „Tinitus“- Duos einen Stilmix aus Drum&Bass, JumpUp, Garage, Hip-Hop und sogar eine Auswahl an Live-Bands. Die größte Bühne des Festivals, auch „Triebwerk“ genannt, entspringt der Kreativität des Hauptveranstalter- und DJ-Duos „//Kommod“ und begrenzt die Seebucht sowie das Mahagoni Gelände am hinteren Waldrand. Hier wird ausschließlich in den Nachtstunden für Eskalation gesorgt, laut Flyer mit „Peak-Time-Musik von Spät bis Früh.“ Ich überfliege die restlichen Seiten, auf denen unter anderem Lesungen, Yogasessions, Stockbrot-Grilladen, ein Open-Air-Kino-Programm und vieles mehr angeteasert werden und mache mich anschließend samt Feiercrew auf den Weg, um nun auch endlich den Rest des Geländes zu inspizieren.

Vorbei an zahllosen Zelten samt Bewohnern in ansteckender Feierlaune zu unserer Linken und einem kleinen Outdoor-Atelier auf der rechten Seeseite, erreichen wir bald das „Kaleidoskop“. Hier staunen wir Bauklötze, denn die fast heimelig anmutende Stage unter grandios bemalten Segeln nebst Chill-Area und Bar wirkt wie ein kleines Wunderland. Wie auf dem restlichen Gelände dringt auch hier der Home-made-Charakter aus jedem liebevoll gestalteten Detail und die langsam heraufziehende Dunkelheit enthüllt ein weiteres optisches Highlight: die Farben leuchten im Schwarzlicht! Was andernorts oft als plumper Effekt verpufft, erzielt hier schon aufgrund der aufwändigen Mosaike und Gemälde eine fast magische Wirkung. Wir tanzen uns warm, treffen auf noch mehr neue sowie bekannte Gesichter, futtern einen Käsetoast an der Bar und ziehen nach dem Set von D.Hille aus Newcastle weiter in Richtung „Triebwerk“-Stage, um nun auch den letzten Mahagoni-Clue unter die Lupe zu nehmen. Wieder ein Volltreffer! Große, von innen mit LEDs beleuchtete Wasserkanister bilden, im Schachbrettmuster gestapelt, die Außenfassade der Bühne, die sich am Ende einer ausladenden, von Bäumen umsäumten Freifläche erhebt. Links und rechts ergänzen einladende, handgezimmerte Bauwerke und Sitzgelegenheiten aus Europaletten die Szenerie – unter anderem eine kleine Kapelle samt Heimorgel, die nach etwas planlosem Tastenroulette tatsächlich funktioniert. Kurzum: Das Mahagoni-Setting entpuppt sich auch in diesem Jahr als perfekte Spielewiese für Musikliebhaber und Freiluftenthusiasten, die mehr von einem Festival erwarten als den typischen Einheitsbrei der Branchengiganten.

Damit fällt nun auch unser Startschuss für ein Wochenende purer Regentanzextase, gegen die selbst das fast durchgehend miserable Wetter chancenlos ist. Pech gehabt Petrus – auch wenn deinetwegen einige der geplanten Outdoor-Aktivitäten ins Wasser fallen müssen! Angereichert durch Stage-Hopping-Einheiten, neue Bekanntschaften, (meist kurze) Badeausflüge im See, Chillsessions am Zeltplatz, Drinks mit Freunden und Fremden, Regenerationssport am Strand, Hängematten-Naps, zahllose Gespräche über Gott und die Welt und vor allem viel, viel guter Musik erlebe ich die kommenden Tage und Nächte in einem bunten Rausch aus Eindrücken und kollektiver Euphorie. Auch dank eines breit gefächerten Stilspektrums, das selbst Indie- und Jazzbands harmonisch in den ansonsten meist elektronischen Duktus der jungen Franchise integriert, findet sich stets der passende Sound zum aktuellen Gusto – und für ruhigere Momente der passende Rückzugsraum. Das junge Nürnberger Orgateam um die DJ-Crews xylotrip, Nightwatch und Tinitus hat wie schon im Vorjahr alle Register gezogen – ja, sogar noch eine ordentliche Schippe draufgelegt und den Sommer 2018 mit einem Feuerwerk in den Ruhestand entlassen.

Beim Aufbruch am Sonntagmorgen ist die allgemeine Erschöpfung zwar sichtlich spürbar, der vormals harte Boden vom Starkregen aufgeweicht (wenigstens lassen sich jetzt die Heringe problemlos lockern) und praktisch kein Kleidungsstück mehr trocken. Dennoch sieht man überall Menschen, die ihre Blicke beim Packen noch einmal über die Zeltstätte, die kleine Bucht und das Gelände schweifen lassen. Alle lächeln dabei. Vielleicht denken sie nochmal an ihr persönliches Wochenendhighlight zurück, vielleicht an eine heiße Dusche, vielleicht aber auch schon an das nächste Mahagoni. Fest steht jedenfalls der Wahrheitsgehalt eines Satzes, der sich im About-Text auf der Rückseite des Programmhefts findet und die Erfahrung der vergangenen Tage nahezu perfekt zusammenfasst:

„Ein Festival braucht keine riesen Headliner und genauso wenig einen VIP-Bereich (…) Es geht um eine Ansammlung von Menschen, die auf freiwilliger Basis aufeinandertreffen. Kulturelle und gesellschaftliche Kluften werden überwunden. Eine Utopie, deren Werthaltigkeit anhand der subjektiven Erfahrung des Einzelnen gemessen wird und nicht an der Wirtschaftlichkeit des Projekts.“

Amen Mahagoni, auf dein Sequel im nächsten Jahr!

Bildquellen (und an der Stelle ein fettes Dankeschön an): Ellen Trenn


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