Eine halbe Lanze für Reisende mit Analogfimmel

By 15. Februar 2017 Easy Travel, Lifestyle, Travel

Angeregt durch den Erfahrungsschatz meiner jüngsten Vergangenheit, möchte ich heute eine Lanze brechen für all jene, die sich auch im Jahr 2017 noch mit Landkarten im DIN A1 Format oder mauerdicken Reiseführern abplagen, um unterwegs zum Ziel zu gelangen. Ich breche sie in tiefster Bewunderung für euch, die ihr ein gutes Restaurant in einer unbekannten Stadt lieber sucht und findet, anstatt bei TripAdvisor darüber zu lesen und dann den Google Pfeilen zu folgen. Denn ihr, meine lieben Innovationsverweigerer, seid die letzten Überlebenden einer aussterbenden Spezies von Rucksacktouristen – nämlich dem analogen Originaltypus. Ihr allein wisst noch was es heißt, auf Winnetous Spuren der Fährtenfindung zu wandern, euch heillos zu verirren, zu verzweifeln, Sprachbarrieren zu überwinden, für eure Erholung sowie Charakterbildung zu leiden und manchmal wahrlich überrascht zu werden – euch gehört das Abenteuer, uns der Einheitsbrei im Tütensuppenformat.

Ich bin davon überzeugt, dass Reisen und deren Planungen, wie so viele andere Bereiche des Lebens, generationenabhängig verlaufen. Oder um es auf den Punkt zu bringen: digital vs. analog. Zu weit hergeholt? Weit gefehlt! Denn mal Hand aufs Herz, wer von uns (und damit meine ich sämtliche Vertreter der Jahrgänge ab 1985) kann tatsächlich von sich behaupten, im Sinne der Vorbereitung oder Orientierung noch stapelweise Reiseführer in Buchform zu wälzen und sich die ansprechendsten Stellen sorgfältig mit Post-Its zu markieren – idealerweise thematisch-farblich sortiert, zur schnelleren Wiederverwertung. Vermutlich wenige – und das aus gutem Grund: Schließlich müssen wir nicht.

Spätestens seit dem endgültigen Triumph der Smartphones über so ziemlich jede andere Informationsquelle, WLAN-Netzen in Strandhütten und global verwertbarem Datenvolumen verstaubt der Lonely Planet im Bücherregal, im Rucksack längst von Selfiesticks, mobile Charging Ports und Fotodrohnen verdrängt.

 

Die digitale Revolution hat ihre Vollendung erreicht – und fairerweise hat sie vieles, wenn nicht alles, leichter gemacht. Vorbei sind die Zeiten, in denen man noch vier falsche Wege gehen musste um den richtigen zu finden; vorbei das Risiko, sich in einem dubiosen Restaurant eine Lebensmittelvergiftung einzufangen – zumindest wenn man Alternativen hat, konsequent digital bleibt und Google-Sterne als oberstes Gütesiegel betrachtet. So gläsern wir Digitalos auch werden mögen – unsere Transparenz geht Hand in Hand mit der Transparenz der Industrie und davon profitieren wir. Einem aufgeklärten Digital Native kann heute keiner mehr etwas vormachen, solange man ihn nicht seiner mächtigsten Waffe – dem Smartphone – beraubt. Jede Antwort lässt sich in Sekundenbruchteilen nachschlagen, jeder Dienstleister anhand früherer Nutzerbewertungen auf seine Ehrbarkeit prüfen, jedes Angebot unterbieten – und das nicht nur im hiesigen Mediamarkt. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene aus meinem letzten Kambodscha Urlaub, als ich den zunächst stolzen Vermieter einer Strandhütte mithilfe von TripAdvisor auf ein Drittel seines Ausgangspreises herunterhandelte – nur indem ich ihm günstigere Angebote in seiner unmittelbaren Umgebung zeigte. Dabei prallten sämtliche seiner selbstbewusst vorgetragenen Argumente (zB. „Dusche ganz neu!“) machtlos an meinem Display ab, auf dem ich lässig Hochglanzfotos konkurrierender Badezimmer und andere Preisdrücker aufpoppen ließ. Sicher war es kein fairer Wettstreit. Vielleicht kamen daher meine Schuldgefühle. Vielleicht aber haderte ich auch damit, dass ich es mir zu leicht machte.

Der eigentliche Kern des Problems, das die digitale Weitsicht versteckt mit sich bringt, ist nämlich folgender: Alles wird berechenbar!

Und in diesem Kern stirbt das Abenteuer völlig kampflos. Keine Frage, wir alle sind „on the road“ – doch Jack Kerouac würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn man ihm heute das Erbe seines Beat Generation-Manifests, schön portioniert auf die Displaygröße eines handelsüblichen Smartphones, vor Augen halten würde. Die spannende Ungewissheit des Unbekannten ist einer Aneinanderreihung von Onlinebuchungen gewichen, wir checken nahtlos in Unterkünften mit Bestbewertungen und Trust-Zertifikaten ein, in denen wir es genauso komfortabel haben wie zuhause und vergeben Sterne für einwandfreien WLAN Empfang und ein europäisch inspiriertes Frühstück.

 

Klar, was uns bleibt sind perfekt durchgeplante Unterhaltungsangebote und die schönen Strände, hohen Felshänge und weiten Steppen unserer Wahldestinationen – doch auch sie werden heute in Güteklassen unterteilt. Und noch während wir unseren nach westlichen Standards kreierten Cocktail mit den Füßen im mit digitalen Lobeshymnen übersäten Sand schlürfen, fragen wir uns, warum eigentlich die große Euphorie und das Glücksgefühl ausbleiben, die man an so einem Ort eigentlich verspüren sollte.

Hier ein Erklärungsansatz: Wir alle wollen das Abenteuer, wissen aber nicht mehr wie wir es bekommen sollen. Selbst Google, Tripadvisor und booking.com können hier nicht helfen, weil die Antwort der Lösung entgegenwirken würde und so verbringen wir unseren Urlaub wie am Fließband der Tourismusindustrie – aufgereiht, vorhersehbar und starr mit dem Blick aufs Display. Am Ende unserer Reisen kommen wir in aller Regel genauso gleich zurück, wie wir unsere Zeit verbracht haben – erholt, braun gebrannt, zufrieden, reicher an Erfahrungen, aber ohne jene außergewöhnlichen Geschichten, die sich noch nach Jahren erzählen lassen. Und wenn doch, dann weil wir den Sprung ins Ungewisse gewagt, Intuition statt Tipps genutzt und der vorgekochten Tütensuppe den Kampf angesagt haben.

Merken

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply Klaus Strattmann 23. Februar 2017 at 15:29

    Meine Mutter reiste noch mit einer für vier Sprachen ausgelegten Reiseschreibmaschine von Rheinmetall – unverwüstlich und recht schnell zu bedienen. Natürlich kam nur Papier heraus, das man dann in Briefe stecken und abschicken musste – aber es kam verlässlicher an, als manche Email. wenn ich mir anschaue, dass heute Milliarden Email-Konten gehackt sind und man, wie bei Yahoo, das jahrelang nicht erfährt oder, wie neulich bekannt wurde http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=428835 es sogar komplett ohne Pssswortklau zu knacken geht, dann muss ich sagen, dass ein früher gut versiegelter Briefumschlag allemal sicherer war, als alles, was heute, selbst mit Verschlüsselung (siehe NSA-Hack bei Merkel) auf dem Markt ist. Und billiger war es am Ende auch noch, denn diese Schreibmaschine täte heute noch ihren Dienst, die ist mithin gut und gerne 80 Jahre alt. Und noch etwas fällt mir auf: damals musste man VORHER denken, bevor man etwas schrieb. Man hatte nicht nur jeden Satz vorher fertig im Kopf wohl bedacht, bevor man überhaupt den ersten Buchstaben zu Papier brachte, nein, man hatte bereits eine ziemlich genaue Vorstellung vom gesamten Aufbau des Textes bis zur Schlusszeile. Sonst hätte man nämlich das Papier wieder ausspannen und im Kamin verbrennen können. Heute dagegen, nix gegen Rechtschreibprüfung, kommen viele junge Menschen nicht mal mehr mit einfachsten Satzkonstruktionen zurecht, auch nicht beim lesen (diesen Blog hier mal ausgenommen 😉 ) …

Leave a Reply