Crossing Middle East #5

By 5. September 2014 Others, Travel

In der Serie „Crossing Middle East“ berichtet Jessica Gehring über ihre Erfahrungen auf ihrer journalistischen Erkundungstour durch den Mittleren und Nahen Osten. Die Tübinger Studentin bereist Jordanien, die Türkei, besucht die Kurden im Irak und gewährt so Einblicke in eine Welt, die der Europäer gemeinhin als gefährlich und instabil einschätzen würde. Man gewöhnt sich an alles hier, sagt sie: an Hitze, an Armut – und an Molotowcocktails.

Von Jessica Gehring

Schenkt man aktuellen Medienberichten Glauben, könnte man die Lage in Kurdistan-Irak wohl in wenigen Worten zusammenfassen: Krieg, Terror, Flüchtlinge, Armut und Gefahr an allen Ecken und Ende. Diese Worte mögen mit Sicherheit auf Teile Kurdistans zutreffen. Aber sie allein können die Situation in dieser autonomen Region nicht adäquat wiedergeben. Nicht ansatzweise. Die Kurden sind ein stolzes Volk – ein Volk, das mit tapferen Männern täglich für die Sicherheit seiner Bürger sorgt. Zahllose Schlaglöcher, zerplatzte Reifen am Straßenrand, Wüste und Geröll so weit das Auge reicht – das sieht man auf dem Weg vom Osten der Türkei, Diyarbakir, nach Erbil, Kurdistan-Irak. Dazwischen Hirten, die Schafe und Ziegen an die wenigen Grünflächen führen. Es ist sehr heiß hier, aber auch sehr friedlich.

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Auf dem Weg an die kurdisch-irakische Grenze passiert man Städte wie Hasankeyf und Cizre. Erste ist aktuell für traurige Nachrichten bekannt – die türkische Regierung will hier einen Staudamm bauen, der jahrtausendalte Felssiedlungen für immer unter Wasser verschwinden lassen würde. Natürlich gibt es einen Plan für diejenigen, die aufgrund dessen umgesiedelt werden sollen: man baut weiter weg neue, teure Wohnungen. Die sollen sich die Einwohner dann leisten können? Kurdistan soll das neue Dubai werden, heißt es. Die zahllosen Hotels, die hier an jeder Ecke hochgezogen werden, sind Vorboten von diesem ambitionierten Ziel.

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Die Pässe lassen wir beim Besuch der Städte nie im Auto zurück. Zu verlockend sei es, die Identitätsnachweise von Europäern aus dem Auto zu stehlen, um sie dann zu fälschen, sagt man uns. Ich habe trotzdem nicht das Gefühl, hier in irgendeiner Form Angst haben zu müssen.

Kurz vor der kurdisch-irakischen Grenze fährt die Polizei Streife – und Kinder rennen ihnen hinterher. Mit Steinen. Eines hat einen Molotowcocktail in der Hand.

Das Verrückte ist: man gewöhnt sich an den Anblick. An die Hitze, die weit verbreitete Armut in diesen Gegenden, an Menschen mit Kalaschnikows, die vor Bauruinen sitzen und rauchen. Beim Grenzübergang nach Kurdistan-Irak sagt der Offizier beim Stempeln unsres Passes: „Oh my God – what do you want there?“ Weiße, junge Studenten sind aufgrund der aktuellen Lage nicht unbedingt auf den Straßen zu erwarten. Auf dem weiteren Weg werden wir noch dutzende Checkpoints passieren. Alle wundern sich. Dohuk ist die Hauptstadt des Gouvernements Dahuk in der Autonomen Region Kurdistan. Zum Abendessen gibt es hier Falafel, was sonst?

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Diese Stadt hat rund 700 000 Einwohner. Seit dem Einfall von ISIS in den irakischen Gebieten wurden zudem ca. 800 000 bis 900 000 Flüchtlinge aufgenommen. Zum Vergleich: Insgesamt hat dieses kleine Volk rund 4,5 Millionen Einwohner. Mittlerweile kamen rund zwei Millionen Flüchtlinge ins Land. In ihr Gebiet, das ihnen nicht wirklich gehört, das ihnen von der Zentralregierung in Bagdad nicht anerkannt wird.

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Mein bisherige Eindruck: es ist ein stolzes Volk, das hier lebt. Ein Volk, das Flüchtlinge aufgrund von Platzmangel in Schulen unterbringt, in welchen deshalb kein Unterricht stattfinden kann. Es bleibt abzuwarten, was die Politiker und Studenten Kurdistans in den nächsten Tagen zu berichten haben, wovor sie sich vielleicht fürchten, wofür sie stehen, wofür ihre Peshmerga an der Front kämpfen. Wo liegen die Chancen dieser autonomen Region?

Bei der Ankunft im irakischen Erbil gibt es erst mal einen Tee, was sonst? Erbil ist der Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan. Wir sitzen auf einem großen Platz, über uns die berühmte Zitadelle. Mohammad Miro, der unsere kleine Gruppe von einer Handvoll Studenten begleitet, findet schnell die richtigen Worte: „Spiegel Online berichtet also, dass Erbil nicht sicher ist und die Menschen mit Koffern die Stadt verlassen. Und was sagt ihr?“

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Jessica_GehringJessica Gehring

 

 

 

 

 

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