Crossing Middle East #4

By 2. September 2014 Others, Travel

Easywriters – das ist Musik, das ist Moderne, das ist the good life. Das ist alles andere als Politik, Krisen und Armut. Und keine Sorgen, wir werden uns davor hüten, ambitionierte politische Punchlines über den digitalen Äther zu schicken. Und doch, ein bisschen Aufklärung kann nicht schaden. In der Serie „Crossing Middle East“ berichtet Jessica Gehring über ihre Erfahrungen auf ihrer journalistischen Erkundungstour durch den Mittleren und Nahen Osten. Die Tübinger Studentin bereist Jordanien, die Türkei, besucht die Kurden im Irak und gewährt so Einblicke in eine Welt, die der Europäer gemeinhin als gefährlich und instabil einschätzen würde. Diesmal reist sie – naja: ins Nichts.

Von Jessica Gehring

„In Syrien gab es für uns nur Sterben oder Überleben. Hier sterben wir auch – aber langsam“, sagt Rafsaa. Seit ihrer Flucht aus ihrer Heimat lebt sie mit etwa 11 200 Menschen in einem Flüchtlingslager im jordanischen Azraq. Täglich erreichen etwa 100 neue Familien das Camp. Platz ist genug da, ein menschenwürdiges Leben kaum.

And when life will be over, don’t think they will forgive you.

Die Straße in das „Azraq Refugee Camp“ wird Dead Road genannt. Endlos erscheint der Weg, mit Schlaglöchern ist er übersät. Das Camp soll Platz für bis zu 60 000 Flüchtlinge bieten. Die Syrer leben hier in ihren Familien unter Wellblechschuppen, die ausgelegt für sechs, vielleicht sieben Personen sind. Der Boden besteht aus Steingeröll. Eine Frau zeigt mir, wie dünn die Matten sind, die sie bekommen, um darauf zu schlafen. Sie sind sehr dünn. Tagsüber sitzen die Familien draußen vor den Hütten in den spärlichen Schattenplätzen. Drinnen ist die Hitze kaum zu ertragen.

crossing_middle_east_4_3

Bei den Mitarbeitern von Care gehen täglich unzählige Beschwerden ein. Die Flüchtlinge fordern Elektrizität, lautstark bemühen sie sich um etwa besser gelegene Unterkünfte. Das Camp ist in mehrere kleine Dörfer eingeteilt, jedes Dorf hat nur einen Wasserzugang. Haust man weiters Weg, bedeutet das für die Familien jedes Mal einen kräfteraubenden Marsch zum Wasser. Und das unter der glühenden Sonne.

Eine Frau ist neugierig und fragt unsere Studentengruppe, was wir hier wollen. Auf die Erklärung, dass wir die Arbeit von NGOs wie Care kennen lernen wollen, lässt sie sich nieder. Sie warte seit zwei Stunden darauf, von der provisorischen Rezeption aufgerufen zu werden, die hier mittendrin aufgebaut ist. „Wissen Sie, die Leute von Care sagen, sie versorgen uns, aber ich fühle mich nicht versorgt.“ Die 38-Jährige ist schwanger. Ihr Sohn hat Diabetis. Er braucht Medikamte. Medikamente, die er nicht bekommt. Warum? Das wüsste sie selbst gerne. Sie glaubt, sie habe etwas falsch verstanden oder eine Frist verpasst. Jetzt solle sie wieder warten. Warten – etwas anderes machen die Menschen hier nicht. Als die Frau schließlich aufgerufen wird, sagt sie:

Ich möchte mein Ungeborenes in mir behalten. Denn in was für eine Welt gebäre ich es hier?

Die Organisation Care International ist eine Nichtregierungsorganisation, die vor allem gegen Hunger, Armut und Unterdrückung kämpft. In Jordanien ist die Organisation zurzeit vor allem vor das Wasserproblem gestellt: das Land hat weltweit eines der niedrigsten Wasservorkommen pro Kopf. Theoretisch darf jeder Jordanier nur 60 Liter am Tag verbrauchen. Ein relativ sparsamer Deutscher verbraucht 120 Liter täglich. In den USA werden pro Kopf und Tag rund 350 Liter in die Kanalisation gejagt. Glaubt man den Verantwortlichen von Care, so hat das Land seit 2011 mindestens 1,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, die Dunkelziffer dürfte bei mindestens zwei Millionen liegen. Und wir Deutschen? 3200 Syrer! Nur 3200 syrische Flüchtlinge durften im gleichen Zeitraum zu uns kommen.

crossing_middle_east_4_1

Während in Deutschland, derzeit etwa im schwäbischen Meßstetten, Menschen gegen Flüchtlingsorte in ihrer Nähe demonstrieren und sich vor steigender Kriminalität fürchten, sterben hier Menschen. Wie nichtig sind doch unsere Probleme. Ich habe von Familien gehört, die aus Lagern geflogen sind – und draußen in der Wüste starben. Sie wollten lieber unter dem freien Himmel ihre letzten Stunden verbringen. Mit dem Gefühl der Freiheit.

Ratten, wilde Hunde, Ungeziefer – und ein Fußballplatz

Im Camp gibt es pro Dorf nur einen Wasserzugang. Klo und Bad bestehen aus einem viereckigen Container, eine Gießkanne findet man darin – und ein Loch für das „Geschäft“. Außerdem: Wilde Hunde, Ratten, Mäuse, Flöhe, Ungeziefer. Die Kinder finden nachts nur schwer ihren Schlaf, sie fürchten sich vor den Tieren. Man könnte meinen, die Vereinten Nationen sollten wissen, wie man gegen derartige, ja kalkulierbare Probleme vorgeht. Schädlingsbekämpfung ist zwar ungesund, man hätte aber wissen müssen, dass so etwas passiert. Wie kann es sein, dass die Weltgemeinschaft derartige Kleinigkeiten nicht geregelt bekommt, aber Fußballplätze in das Camp baut?

crossing_middle_east_4_2

Doch für die Menschen selbst ist die Langeweile beinahe das größere Problem. Es gibt wenig zu tun hier im Flüchtlingslager von Azraq. Jede vertretene NGO kann einen Flüchtling maximal drei Monate lang ehrenamtlich anstellen und geringfügig bezahlen, dann muss Gesetzes wegen aufgelöst werden. Diese Jobs, wie beispielsweise die Unterstützung der Rezeption bei der Ankunft neuer Flüchtlinge, sind rar gesät und so heiß begehrt wie die Sonne über dem Camp. Rafsaa, Mutter und Ehefrau, erzählt, sie warte seit ihrer Ankunft vor acht Monaten auf irgendeine Art von Beschäftigung. Was sie ansonsten tut? „Gar nichts“, antwortet sie. Man kann es ihr nicht übel nehmen. Die Flüchtlinge hier harren aus. Sie warten auf Besserung, auf Hilfe, die endlich bei ihnen direkt ankommt. Manches sei in Ordnung, einiges werde sofort erledigt auf Wunsch der Flüchtlinge. Manches ziehe sich jedoch monatelang. Sie verstehe, dass der Andrang groß sei und es der Geduld bedürfe – sie verstehe aber nicht, wieso so vieles erst notiert, um letztlich doch ignoriert zu werden.

Abgeschnitten von der Gesellschaft – ohne TV, Radio und Internet – bekommt man hier nichts mit von der Situation im eigenen Land. Geschweige denn der großen Welt da draußen, nur dass sie besser sein muss als ihr Schicksal. Ein Mann fragt uns, ob wir aus Deutschland kommen. „How can I get there?“ Seine Nebensitzerin, eine junge Frau, vielleicht Anfang 20, sagt: „Letzte Woche habe ich meine zwei Brüder in Syrien verloren. Sie wurden auf offener Straße erschossen.“ Das habe ihr jemand von Care mitgeteilt. Alles, was sie seither machen konnte: einen Anruf tätigen.

Wundern Sie sich nicht, warum Leute verrückt werden. Wundern Sie sich, warum sie es nicht werden – angesichts dessen, was wir an einem einzigen Tag verlieren können. In einem Augenblick. Ich frage mich, weswegen wir es verdammt nochmal schaffen, die Fassung zu bewahren.

Die Flüchtlinge erheben auch schwere Vorwürfe gegen die NGOs. Sie bemängeln, dass die versprochene Hilfe zu keinem Zeitpunkt bei ihnen ankommt. Kleidung, die im Camp dringend benötigt wird, fände den Weg bis zum Lager nicht. Gespendete Klamotten, beispielsweise aus Europa, kämen zwar nach Jordanien, würden aber dort abgefangen und durch verrissene Kleidung ersetzt.

Malek Abdeen von Care Jordan, der zentralen Nichtregierungsorganisation in Azraq, versucht trotzdem täglich, insbesondere die Flüchtlingskinder, bei Laune zu halten. In einem Spielzelt wird gebastelt, gemalt, gesungen und geklatscht. Man sieht viele lachende Kindergesichter. Dann hört man die Fakten: pro Kopf bekommt ein Flüchtling in Azraq zehn jordanische Dinar, das sind zirka 10,50 Euro. Für zwei Wochen. „Ehrlich gesagt reicht mir persönlich das nicht einmal für meine Zigaretten“, sagt Abdeen. Zwar bekommen die Familien zusätzlich Essensgutscheine für den Supermarkt, dass das nicht reicht, ist kein Geheimnis. Eine zehnköpfige Familie kommt damit zwar relativ gut über die Runden, eine erwachsene Frau mit ihrem Mann aber kaum.

crossing_middle_east_4_4

Man spürt, dass Menschen wie Malek Abdeen sehr um die Menschen vor Ort bemüht sind. Aber auch ihm ist es unmöglich, den Menschen zu geben, was sie am dringendsten brauchen: Geld. Geld, um Sachen kaufen zu können, die ihren Lebensstandard wieder steigen lassen. Rafsaa, Mutter von vier Kindern, würde sich und ihrer Familie gerne Shampoo kaufen. Und doch ist Azraq noch ein gemäßigtes Camp. Die Menschen, die hier leben, können als komplette Familien zusammenleben. Es gibt hier keine Kinder ohne ihre Eltern. Ein paar hundert Kilometer weiter aber jede Menge davon.

Die Hoffnung wird sterben.

Ihr Name wird nach vier Stunden warten aufgerufen. Sie steht auf und geht. Ihre Augen sind müde. Aber sie schafft es zu lächeln und alles Gute zu wünschen. Sie sei nicht böse oder wütend, nur schrecklich erschöpft, sagt sie. Strahlende, lachende Kinder winken dem Bus hinterher, der uns Studenten wieder in unser halbwegs gewohntes Umfeld bringt. Für sie aber geht der Alltag weiter – in ihren Schutzunterkünften aus Blech. Und ja, die Hoffnung ist noch nicht aus ihren Augen verschwunden.

CARE Jordan

You Might Also Like

No Comments

    Leave a Reply