Crossing Middle East #3

By 29. August 2014 Others, Travel

Easywriters – das ist Musik, das ist Moderne, das ist the good life. Das ist alles andere als Politik, Krisen und Armut. Und keine Sorgen, wir werden uns davor hüten, ambitionierte politische Punchlines über den digitalen Äther zu schicken. Und doch, ein bisschen Aufklärung kann nicht schaden. In der Serie „Crossing Middle East“ berichtet Jessica Gehring über ihre Erfahrungen auf ihrer journalistischen Erkundungstour durch den Mittleren und Nahen Osten. Die Tübinger Studentin bereist Jordanien, die Türkei, besucht die Kurden im Irak und gewährt so Einblicke in eine Welt, die der Europäer gemeinhin als gefährlich und instabil einschätzen würde. Doch ist es wirklich so?

„Man hat nur eine große Liebe im Leben – und das ist die Wüste“, sagt Mohammad, Beduine. Er blickt in die Ferne. Über marsroten Sand, über Felsformationen – von Wasser vor Tausenden von Jahren zu dem geformt, was Tausende von Touristen jährlich bewundern. Fernab der Massen kann man aber auch die Einsamkeit bewundern. Von Beduinen begleitet, mitten in Wadi Rum, weit weg von jeglicher Zivilisation und Handyempfang.

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Wer nach Wadi Rum reist, der reist den Spuren von „Lawrence von Arabien“ hinterher. Und Touristenschwärmen – in einem Bus, der gerade lang genug hält, um sich vor einem Kamel oder einem Felsen ablichten zu lassen. Oder man entscheidet sic dazu, all das hinter sich zu lassen. Und in das Herz von Wadi Rum und gänzlicher Stille zu reisen. Die Gesellschaft dabei könnte nicht besser sein, als die von Beduinen. Mit Jeeps fahren sie Abenteuerlustige fernab von japanischen Reisebussen in das Wüstental hinein, zu ihren Schatzplätzen.

Hello darkness, my old friend. I’ve come to talk to you again …

Mit jedem Wüstenkorn, von dem sich die Beduinen mit ihren Jeeps von den allgemeine Touristenpunkten entfernen, geht es tiefer in das Herz des Wüstentals, vorbei an Kamelen und Beduinenzelten, hinein. Umso größer wird die spürbare, aber dennoch geteilte Einsamkeit hier draußen. Man kommt sich plötzlich selbst sehr klein vor. Übrigens sitzt man selbst auf der Ablagefläche des Autos auf umgebauten Holzbänken (und tatsächlich recht bequem). Uralte Wandmalereien, bizarr geformte Sandsteinberge und Granitberge, die bis zu 1800 Meter in die Höhe ragen, werden in diesem, vor Jahrtausenden ausgetrocknetem Wüstental bewundert.

Diese Wüste hat vor allem „unseren Lawrence“ und seine Geschichten über das abenteuerliche Leben unter den Beduinen berühmt gemacht. Zu Weltruhm kamen seine Guerillakämpfe, als an den Originalschauplätzen im Wadi Rum der Wüstenepos „Lawrence von Arabien“ mit Peter O’Toole, Alec Guinness, Anthony Quinn und Omar Sharif gedreht wurde.

Ein bisschen Hollywood in der Wüste braucht es eben auch. Die Zeit steht hier still und gleichzeitig verfliegt sie

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– die Sonne geht unter und wo könnte man das besser beobachten, als von einer Sanddüne aus? Auf angenehm warmem, rotem Sand sitzend, beobachtet man, wie die sich vor einem erstreckende scheinbar grenzenlose Wüstenlandschaft die Felsen und Schluchten in sanfte Töne bettet. Man kann sich kaum satt sehen. Aber die Beduinen werden mit untergehender Sonne zunehmend ungeduldiger – der Schlafplatz muss noch erreicht werden. Dort angekommen, wartet der minimalistischste und gleichsam entzückendste Schlafplatz aller Zeiten. Lediglich Matratzen, Kissen und Decken liegen dort. Zuerst wird darauf gespeist, später legt sich jeder seine Matratze hin, wo er mag. Über einem breitet sich langsam ein gewaltiges Sternenzelt aus. Man kann diese Schönheit nicht beschreiben, man kann sie fast nicht aushalten, so schön ist es.

Gebratenes Lammfleisch, Reis und Gemüse werden unter dem Sternenhimmel serviert. Am Lagerfeuer wird rund um die Uhr in einer schwarzen, gußeisernen Kanne starker, gesüßter Tee gekocht. Er schmeckt exzellent, auch bei 32 Grad. Der einzige Gedanke dabei: Was für ein Geschenk. Unter all das mischen sich Gespräche zwischen den Beduinen und ihren Schützlingen, denn eines ist man hier voll und ganz: nämlich Gast. Jeder Wunsch, der erfüllt werden kann, wird erfüllt. Man gehört zur Familie. Bis tief in die Nacht dauern die Gespräche über Politik, über die aktuellen Kriege und den islamischen Staat.

Schockierend (oder auch nicht) – in Jordanien, ob Beduine oder sonst wer im Jordanland – ist Israel verhasst, man muss es so sagen.

Ein junger Jordanier bat mich in einem Gespräch nicht mehr „Israel“ zu sagen, er bestand auf „Palästina“. Die Israelis also stecken mit den USA unter einer Decke. Und das einzige, was die Vereinigten Staaten interessiert, ist Öl – so die einstimmige Meinung. „This is politics, you know“ sagt Khalim, ebenfalls Beduine. „And by the way, there are people suffering“ – es wird noch stiller als es ohnehin ist und an die Menschen gedacht, die unter alldem leiden, mögen es Machtspielchen sein oder was auch immer. Sie leiden. Und doch geht es schon lang nicht mehr um Menschenleben. Wenn Khalim von seiner politischen Meinung erzählt, muss man nicht unbedingt mit allem d’accord sein – geschweige denn verstehen, wie man zu dieser Meinung kommt. Nach meiner bescheidenen Meinung wird jedenfalls nicht das gesamte Mediensystem der USA von Juden kontrolliert. Aber man versteht, dass beispielsweise in Syrien längst etwas geschehen hätte können, längst etwas geschehen hätte müssen – Nationen wie die USA haben die Macht dazu, so Khalim. Interessanterweise gibt er der EU keine Schuld. Und unter EU versteht er eigentlich nur Deutschland. „You can’t do anything because of your history and people understand“, sagt er.

Und dann ist es auch vorbei mit aller Ernsthaftigkeit. Kabel werden an die Autobatterien der Jeeps angeschlossen, Musik wird aufgedreht und getanzt. Nicht zu vergessen: Wasserpfeife. Beduine, Deutsche, Beduine, Deutsche, Männlein, Weiblein, Hand in Hand, hauptsache Tanzen – ganz egal. Wäre man Politiker, könnte man direkt stolz sein auf diese vollständig funktionierende Integration von Kulturen. Über all dem deutlich zu erkennen: die Milchstraße.

Aber klar, natürlich ist das Ganze auch irgendwo touristisch. Natürlich haben Beduinen auch Sachen zu verkaufen und anzubieten. Natürlich bezahlt man für diese etwas weniger als zwei Tage Abenteuer, einen nicht zu geringen Preis. Aber natürlich müssen diese Menschen auch von etwas leben – fast jeder dritte oder vierte Beduine, der geboren wird, studiert später. Fernab von Postkarten und Kamelen aus Plastik bieten sie aber kleine Schätze an, wie ihr eigenes Parfüm – Amber. Das selbst hergestellte, seifenähnliche Stück wird einfach über die Haut gestrichen und hält ewig.

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Man kann also viel über Wadi Rum schreiben, so oder so lassen diese Eindrücke einen nicht mehr los. Angesichts dieser Landschaft, dieser Wucht von Natur, bleibt einem nicht viel übrig, außer zu staunen. Und auf keinen Fall kann man den Eindruck des Zuhauses der Beduinen schließlich besser ausdrücken als Lawrence von Arabien in seinem Buch: „weitläufig, einsam und gottähnlich“.

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