Crossing Middle East #2

By 26. August 2014 Others, Travel

Easywriters – das ist Musik, das ist Moderne, das ist the good life. Das ist alles andere als Politik, Krisen und Armut. Und keine Sorgen, wir werden uns davor hüten, ambitionierte politische Punchlines über den digitalen Äther zu schicken. Und doch, ein bisschen Aufklärung kann nicht schaden. In der Serie „Crossing Middle East“ berichtet Jessica Gehring über ihre Erfahrungen auf ihrer journalistischen Erkundungstour durch den Mittleren und Nahen Osten. Die Tübinger Studentin bereist Jordanien, die Türkei, besucht die Kurden im Irak und gewährt so Einblicke in eine Welt, die der Europäer gemeinhin als gefährlich und instabil einschätzen würde. Doch ist es wirklich so?

Ahlan u sahlan, das heißt, wenn ich Glück habe, herzlich Willkommen. Kopftuch, Desinfektionsmittel, Hefte und Stifte für die Kinder vor Ort – nicht unbedingt ein gewöhnliches Reisegepäck, das ich mitnehme. Aber es ist auch nicht unbedingt eine gewöhnliche Reise, zu der ich heute aufbreche. Mit Urlaub hat es jedenfalls nichts zu tun, aber das soll es auch nicht.

Um 15 Uhr geht der Flieger in Richtung Amman, Jordanien. Das ist der verhältnismäßig etwas sanftere Teil der Reise – Petra, eines der neuen sieben Weltwunder, werden wir uns anschauen,  auch die Küstenstadt Aqaba. Und eine Wüstentour mit Beduinen – samt Übernachtung unter freiem Himmel – ist ebenfalls geplant. Dann folgen politische Gespräche: beim Jordan Institute of Diplomacy werden wir sein, wir werden Gespräche führen mit der EU-Delegation vor Ort, der „Jordan Times“ zur Berichterstattung und es wird Treffen mit den hiesigen Studenten so wie NGOs wie der „Care Jordan“ geben.  Und ja, okay, einen Tag, an dem ich auf dem Toten Meer vor mir hin „floate“, den lasse ich mir natürlich auch nicht entgehen, sofern ich nicht bei 40 Grad und mehr zum Grillhühnchen geworden bin.

Nach zehn Tagen Jordanien geht es dann in den Osten der Türkei, nach Diyarbakir, eine der ältesten und größten Städte in den kurdischen Gebieten. Nach drei Tagen reisen wir weiter in Richtung Irak. Städte wie Zaxo, Dohuk und auch die viel durch die Medien gezerrte Stadt Arbil/Erbil (Verwechslungen mit der Region Erbil inklusive) stehen auf der Reiseroute. Die von mir und der Studentengruppe, mit der ich reise, befahrene Route gilt als relativ sicher, da sie zu den autonomen Gebieten Kurdistans gehört – zu den umstrittenen Gebieten gibt es eine Grenze. (Wettertechnisch ist hier übrigens noch mehr Schmelzen bzw. vollständiges Auflösen angesagt).

Warum ich diese Reise mache? Ich gebe zu, als die Flugbestätigung kam, sah die Lage vor allem in den kurdischen Gebieten des Iraks etwas entspannter aus. Aber das tut es wahrscheinlich auch schon in einer Woche. Man kann es also verrückt finden, dorthin zu reisen. Man kann sich aber auch fragen, wie viel unserer Meinung eigentlich von den Medien bestimmt wird, die uns mit dem versorgen, was uns zu interessieren hat. Aktuell sehe ich jedenfalls eine nur einseitige Berichterstattung. Zu wenig lese ich über Hintergründe und die einheimischen Menschen. Zu wenig weiß ich allgemein über diese Orte und Länder, die mir sicherlich nicht als erstes Wunschziel einfallen, wenn ich an Urlaub, ans Reisen denke. Aber die Neugier der Karla Kolumna hat gesiegt.

Ich hoffe also, all das zu finden: Geschichten, die ich nicht kenne und die mich und meine Sicht verändern, sie erweitern. Geschichten von anderen Kulturen, anderen Menschen und ihren Erlebnissen, auch von ihren Vorstellungen von Politik. Vielleicht findet man „dort unten“ teilweise auch mehr als man aushalten, als eine behütet aufgewachsene Europäerin ertragen kann.

Der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti schrieb das Motto, mit dem ich mich heute in den Flieger setzen werde:

Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.

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Drei Tage Jordanien fühlen sich an wie eine Woche. Eindrücke, Sehenswürdigkeiten, Menschen, Leben, Essen, die politische Situation – alles fühlt sich anders an und es ist anstrengend, alles zu verarbeiten. Das meine ich aber weitestgehend im positiven Sinne. Weitestgehend deshalb, weil man nicht nur anders wahrnimmt, sondern auch anders wahrgenommen wird – ein Beispiel: Amman, die Hauptstadt Jordaniens, ist auf sieben Hügel gebaut. Das macht die Stadt überraschenderweise also hügelig. Energiegeladen, wie man als frisch angekommener Tourist noch ist, möchten wir also den 42 Grad im Schatten trotzen und einen Hügel erklimmen, um zur schwarz-weißen Moschee zu kommen, die man nicht mal besuchen darf. Man darf nur von außen gucken. Das weiß man als schweißgebadeter „Touri“ natürlich erst hinterher. Macht auch nichts.

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Zirkustier in Amman

Der Aufstieg war jedenfalls recht beschwerlich, recht viele Treppen und noch mehr Müll. Auf der Straße, neben der Straße, überall. Ein mehr oder weniger sanfter Gestank umhüllt einen. Gleich zu Anfang gesellte sich ein zahnloser Mann, mit drei, vier Müllsäcken eingedeckt, zu uns und ließ uns bis zur Rückkehr zum Hotel nicht mehr aus den Augen. Er sammelte Plastikflaschen, auf die es in Jordanien übrigens kein Pfand gibt. Komisch? Keineswegs. Eher normal. Wer anders aussieht, wird hier angeglotzt. Neugierig, belustigt, gierig.

Es ist ein bisschen wie im Zirkus. Nur dass man selbst das Tier ist.

Am Roten Meer ist das kein bisschen anders. Da wird man wie ein Fisch im Aquarium von mit Schnorchel und Taucherbrille getarnten Männern beim Schwimmen verfolgt. Komisch? Nein. Lästig? Schon. Wirklich vorwerfen kann man es den Männern aber nicht – eine junge Frau im Bikini ist hier so selten zu sehen wie eine Wolke am Himmel. Und weil man im Zirkus oder im Zoo die Tiere auch fotografiert, ist das hier genauso. Die einen machen’s heimlich, doch nicht so heimlich, dass man es nicht merken würde. Die anderen, meistens Kinder, stellen sich vor dich und zücken das Smartphone, während sie sich halbtot lachen. Man kann gar nicht anders als irgendwie dämlich mit zu grinsen.

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Petra – Eintritt für Jordanier: 1,20 € – für Touristen, genau: 55 €

Am nächsten Morgen ging es dann um 7 Uhr in Richtung Petra, einer Felsenstadt und seit ein paar Jahren ein „Neues Weltwunder“. Auf dem Weg dorthin passierte, was passieren muss – ein Reifen unseres 25 Personen großen Busses platzte. Loch im Bus unter dem Sitz einer Mitfahrerin inklusive. Ernstgemeintes Kommentar eines Kollegen daraufhin: „Schade, ich hab‘ jetzt auch echt kein WD40 dabei.“ Der Busfahrer regt sich nicht auf, Reifen mit etwas springen und hopsen abmontieren, Ersatzreifen dran, Loch irgendwie stopfen. Man kennt das hier. Auf der Straße liegen überall geplatzte Reifen.

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Berühmt ist Petra für seine einmalige Architektur – wenn man das so nennen kann. Besonders besonders ist hier nämlich, dass die Stadt erstens verdammt alt (über 5000 Jahre) und zweitens recht gut erhalten – und das, obwohl sie drittens in Fels gebaut ist. Es ist schwer in Worte zu fassen, was man dort sieht, Bilder sagen das besser. Das hochberühmte Schatzhaus beispielsweise. Das ist sehr hoch und sehr schön. Ein bisschen verrückt, wenn man sich vergegenwärtigt, mit wie wenig Hilfsmittel die Menschen das damals gebaut haben. Eine Kollegin von mir meinte charmant, aber politisch nicht gerade korrekt: „Die hatten halt super Sklaven!“ – Ja, so kann man das natürlich auch sehen.

Wenn man abseits von beeindruckenden Felsen und Landschaften jedoch auch etwas nach links und rechts schaut, sieht man vor allem arme Leute. Arme Leute auf Eseln, so gemein das schon klingt. Diese Esel, deren Aussehen sofort den Tierschützer in einem weckt, werden für umgerechnet vier bis acht Euro an Touristen angeboten, um damit den Weg bis runter in das Tal von Petra zu reiten oder wieder zurück zum Ausgang. Die etwas gehobenere Alternative wäre ein Kamelritt oder der in einer Kutsche. Während unsereins allerdings brav auf den Füßen bleibt und öfters ein Päuschen einlegt, das bei fast 45 Grad direkter Sonneneinstrahlung unumgänglich ist, sitzt neben mir ein noch recht junger Jordanier. Vor ihm ein Esel, der sich kaum rührt. In der Wunde unter seinem Auge kleben die Fliegen. Er hört in sich versunken laut Bob Marley. „No women, no cry“, schluchzt er ab und zu mit. Auf die Frage, ob alles in Ordnung ist, schaut er nicht hoch, sondern antwortet langsam: „I will never marry, I’ve married my smoke.“

Fast sollte man ihn beglückwünschen, wäre es nicht so traurig, seine, man muss es so sagen, Perspektivlosigkeit zu sehen. Eine Hochzeit bedeutet hier oft den finanziellen Ruin für Männer und deren Familie.

Denn es gehört zur Tradition, dass der Mann komplett für die Kosten aufkommt und die Frau darf sich ihre Geschenke aussuchen – natürlich Gold. Und bitte viel davon. Dann zieht sie ins Haus der Familie ein, was im Übrigen kein Problem ist, denn die Häuser sind bereits so konstruiert, dass einfach oben noch eine Etage drauf gebaut werden kann. So viele Geschosse wie eben letztlich nötig. Noch trauriger: den Menschen hier, denen so gut wie nichts bleibt, außer dem dem Tourismus, fehlen – genau: die Touristen. Aufgrund der Lage in Nachbarländern wie Israel, Syrien und dem Irak fehlt es hier an Menschen, die Land ins Geld bringen. Petra besuchten an einem Donnerstag – ein Tag vor Wochenende – weniger als 3.000 Menschen. Das ist für das neue Weltwunder relativ gar nichts.

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„Keine Demokratie möglich, wo man Demokratie nicht kennt“

Während wir den dritten Tag in Jordanien dann am Roten Meer und in Acaba verbringen – einer zollfreien Stadt, berühmt für den Handel und zum Leiden der Jordanier ebenfalls menschenleer – wird es politischer: Da mir die Zeit im Wifi nicht länger gegönnt sein wird, fasse ich mich kurz: wer übers Meer schaut, sieht die von Jordaniern verhassten Israel und Ägypten. Wer nach links schau, blickt auf Saudi-Arabien (inklusive der ersten Ölpumpe). Das Vier-Länder-Eck könnte in seinen einzelnen Staaten kaum unterschiedlicher sein. Iyad, Jordanier und Politik-Student, erzählt von der Unmöglichkeit einer Demokratie in diesen Ländern. Deutschland hat Demokratie durch seine Geschichte gelernt, aus Erfahrung – nicht weil es uns jemand beigebracht hat, so der 31-Jährige.

„Gesellschaftlicher Wandel ist nicht möglich, indem man durch Krieg irgendwo einmarschiert und ein Parlament baut“

Ohne politisches Engagement ginge gar nichts. Gar nichts, wie in einem Land, in dem der König einfach geliebt wird, auch wenn 70% der Bevölkerung nicht weiß, wofür.

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Tatsachen, die man unbedingt verinnerlicht haben sollte bei der Ankunft, da man sie sonst ständig trotzdem macht: Niemals Klopapier in die Toilette werfen – das verstopft das System. Wenn doch passiert, da Gewohnheit, tja, dann … Und: Zeige niemals im Sitzen deine Fußsohle. Das gilt als höchst unhöflich. Allah zeigt man keinen Dreck.

Ich reise jetzt in die Wüste und verabschiede mich für einige Tage von Elektrizität und Zivilisation.

Maa al salama.

 

Jessica_GehringJessica Gehring

 

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